http://www.guardian.co.uk/international/story/0,,2186573,00.html
Als ich heute einen Kollegiaten fragte, was er denn nach seinem bestandenen Abitur machen wollte, nannte er mir einen Ort, den er selbst nur als das “Paradies” bezeichnete: Die Moskitoküste in Nicaragua. Das mittelamerikanische Land gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und die Menschen an der Küste leben mehr schlecht als recht vom Hummerfang. Oder besser gesagt: lebten. Neuerdings finden immer mehr Fischer an der Küste das, was sie euphorisiert als “weißen Hummer” bezeichnen- kiloweise Päckchen reinsten Kokains.

Die Herkunft des Stoffes ist recht simpel: Kolumbianische Drogenschmuggler fahren die Küste Nicaraguas ab und werden dabei häufig von nicaraguanischen und US-amerikanischen Patrouillenbooten verfolgt. Um sich der Beweislast zu entledigen, werfen die Schmuggler das Kokain über Bord und die Meeresströmung treibt die Päckchen an die Küste zu den versprengten Fischerdörfern, wo sie von den dort lebenden Fischern an Land gebracht werden. Aus westlicher Sicht mag es anrüchig erscheinen, aus Drogen Profit zu schlagen, doch die an der Küste lebenden Fischer sind arm und der Fund eines Päckchens Kokain stellt für sie einen Lottogewinn mit Zusatzzahl dar, weil sie es an die kolumbianischen Schmuggler verkaufen und damit für dortige Verhältnisse sehr vermögend werden können.
Ich persönlich bin mir nicht sicher, wie ich die Sache bewerten soll: Einerseits erhöht der Drogenfund und Verkauf den Wohlstand der dortigen Fischer, die das Zeug aus dem Meer holen und damit auch den Wohlstand ihrer Gemeinde, da der Erlös größtenteils vor Ort investiert wird, auch für Kirchen, Schulen und Krankenhäuser. Andererseits darf man sich keine Illusionen machen, wo das verkaufte Kokain größtenteils hinwandert: Über die Grenze Mexikos in die USA, wo es zum siebenfachen Preis verkauft oder zu Crack verarbeitet wird, das ohnehin schon ein Problem für viele sozial schwache Stadtviertel darstellt. Außerdem scheint sich ein Drogenmarkt rund um die relevanten Fischerdörfer selbst aufzutun, also jugendliche Drogensüchtige und damit eine erhöhte Kriminalität und sozialen Verfall zu erzeugen. Finanzieller Aufschwung der Fischerdörfer steht also gegen die Verbreitung von Kokain und Crack in den USA und vor Ort selbst. Ich komme hier zu keiner eindeutigen Bewertung des Problems, das ist wohl auch kaum möglich, wenn man einerseits den Fischern ihren nun höheren Lebensstandart gönnt und andererseits die Probleme von Drogensucht und Beschaffungskriminalität im Auge hat. Ein paar Päckchen Kokain, die nicht aus dem Meer geholt werden, werden wohl das Drogenproblem in den USA und Weltweit nicht lösen, schon gar nicht, solange die Nachfrage nach dem Zeug so hoch ist, aber hier geht es schließlich auch um die persönliche Einstellung und das Abwägen der unterschiedlichen Interessen. Ach, ich weiß auch nicht, entscheidet selbst, wie ihr die Story bewertet, ich komme zu keinem Ergebnis…
Ach ja, wenn einige Leser jetzt ganz spontan Lust bekommen haben, für ein paar Jahre nach Nicaragua zu reisen, steht dem prinzipiell nichts im Wege: nichts schlimmeres als Vulkanausbrüche, Erdbeben, Hurrikanegefährdung und hohe Kriminalität. Hier findet ihr alle Reiseinforationen für Nicaragua: http://www.guardian.co.uk/international/story/0,,2186573,00.html Eine gute Reise euch allen…